Duale Ausbildung

Zum 50. Jubiläum gab das ZAWM eine Buchveröffentlichung zu aktuellen Themen des Arbeitsmarktes und der Zukubnft der Berufsausbildung heraus.

Das Buch ist im Siebensternverlag erschienen:
ISBN 978-3-9815949-1-1
Schutzgebühr: 19,90 €

Es besteht auch die Möglichkeit, die Beiträge als PDF-Version herunterzuladen



Eine PDF-Präsentation zur Ausbildung im ZAWM finden Sie hier.


Mit der Entwicklung der letzten 25 Jahre wird klar, dass ein Beruf nicht mehr „er“-lernt, ausgelernt werden kann, da die Anforderungen von morgen heute gar nicht immer vorherzusehen sind. Es reicht nicht aus, die Ausbildungsprogramme immer wieder um die neuen Technologien zu erweitern.

Die kurzen „Halbwertszeiten“ von Fachwissen erfordern vom Kaufmann oder Handwerker – wie für fast jeden Berufstätigen – darüber hinaus die Fähigkeit zur selbstständigen Aneignung von Kenntnissen und Fertigkeiten, die ihn in die Lage versetzt, der Entwicklung zu folgen. Dazu gehört der kompetente Umgang mit Fachbüchern und Gerätedokumentation, dazu wird schon sehr bald für die meisten auch der souveräne Umgang mit Multimedia-Produkten auf CD-Roms oder im Internet gehören.

Und noch eine Fähigkeit wird nach allen Erfahrungen immer bedeutsamer für das Überleben von Betrieben und Berufszweigen: die Komplexität der Aufgabenstellungen lässt es immer schwerer erscheinen, dass Einzelne oder gar einzelne Betriebe allein die Anforderungen bewältigen können. Vor diesem Hintergrund werden kooperationsfähige Betriebe, aber auch teamfähige Mitarbeiter die große Herausforderung der nächsten Jahre sein.

Dies in der Ausbildung zu fördern ist eine sehr schwierige Aufgabe, da weder die Auszubildenden noch die Ausbilder in den Betrieben und in den Schulen damit groß geworden sind...

Das Zentrum für Aus- und Weiterbildung des Mittelstandes in Eupen beteiligt sich mit diesem Anliegen an einem großen Projekt („Enbau“) mit Handwerksbetrieben der Bauwirtschaft. Dabei geht es um die Erarbeitung aktueller Standards im energiesparenden Bauen. Bereits sehr früh in der Projektgestaltung wurde allen Beteiligten klar, dass diese Standards nur dann zu realisieren sind, wenn alle Gewerke an einem Bau Hand in Hand arbeiten und sich auf einander abstimmen. Wo Anschlüsse eines Gewerkes an das andere wegen unabgestimmter Ausführungen nicht optimal angebracht werden können, kann kein gutes Resultat erzielt werden.

Es ist somit eines der Hauptziele des Projektes, eine Gruppe von Handwerkern fachlich, aber auch in der Zusammenarbeit, auf dem Weg zu diesen neuen Standards zu begleiten. Andere Interessen werden selbstverständlich von diesen Erfahrungen profitieren können.


Und noch ein Aspekt sollte hier beleuchtet werden: Fand Ausbildung früher eher hinter verschlossenen Türen statt, so hat der Entwicklungsdruck mit viel Europäischer Unterstützung zu unzähligen grenzüberschreitenden Kooperationen zwischen Ausbildungseinrichtungen geführt.
Dies führt bei aller Bürokratie zu einem erweiterten Blickwinkel und zu neuen Impulsen für die beteiligten Partner.

Das Eupener Zentrum ist im engen Grenzraum sehr auf solchen Austausch hin zum Inland, aber insbesondere auch zu den benachbarten Regionen in Deutschland und den Niederlanden ausgerichtet. Diese Kontakte haben viel zu seiner Entwicklung beigetragen und neue Angebote für die Mittelständler unseres Gebietes ermöglicht. Insbesondere die Gründung einer gemeinsamen Stiftung mit Schulen aus dem Aachener Raum, aus Heerlen und Sittard führte zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit über die Grenzen hinweg und ermöglichte mit einem grenzüberschreitenden Meisterkurs mit gemeinsamer internationaler Prüfung eine europäische Premiere, die in Brüssel viel Beachtung findet.

Die Projekte mit verschiedenen deutschen Handwerkskammern und Hochschulen sowie den Verantwortlichen der Mittelständischen Ausbildung in Lüttich ermöglichen in unserer Gemeinschaft neue Weiterbildungsangebote, die es unseren Betrieben gestatten, sich auf den Wandel vorzubereiten.

Die Abgänger einer ostbelgischen Berufsausbildung sind auch in den benachbarten Ländern gerngesehene Arbeitskräfte. Leider ist es bis heute nicht, dies auch offiziell durch die Behörden durch eine Diplomanerkennung bescheinigen zu lassen.


Die Weiterbildung hat sich dementsprechend in den letzten Jahren neben der Lehrlings- und Meisterausbildung entsprechend den Bedürfnissen zum dritten großen Standbein des Mittelständischen Angebotes an die Betriebe entwickelt.
Von Weiterbildung redete vor 25 Jahren fast niemand. Jährlich werden im Eupener ZAWM rund 25.000 teilnehmer-Stunden für Selbstständige und ihre Mitarbeiter abgehalten.

Standen die mittelständischen Betriebe bisher eher für eine zurückhaltende Weiterbildungspolitik, so lässt sich inzwischen eine deutlich gewachsene Nachfrage erkennen, sodass die Zahlen von 1998 in diesem Jahre bereits zur Jahresmitte fast erreicht sind.

Neben den berufsbezogenen technischen Angeboten finden vor allem Marketing- und Betriebsführungsthemen verstärkten Anklang. Dazu gehören zum Beispiel Verkaufstraining, Rhetorik, Personalführung, Konfliktregelung, Kreativitätstraining, Konferenzgestaltung, die kommerzielle Nutzung des Internet u.ä.


Bei der beschriebenen Entwicklung bleibt es nicht verwunderlich, dass auch die räumliche Situation sich ständig mitentwickeln musste. Im Jahre 1974 war die Ausbildung am Limburger Weg auf den heutigen zentralen Teil des Gebäudes beschränkt. 1998 wurde der inzwischen fünfte Anbau fertiggestellt. Nur so war es möglich, die ständig wachsenden Aktivitäten räumlich zu bewältigen und den pädagogischen und technischen Anforderungen gerecht zu werden.


Wenn wir den Blick 25 Jahre zurückwerfen und die Berufsausbildung von heute mit der damaligen vergleichen, dann läßt sich zunächst anmerken, dass sich zu jeder Zeit engagierte Handwerker und Kaufleute für die Heranbildung des Nachwuchses eingesetzt haben und immer mit dem engen Kontakt zu den Betrieben und deren Anforderungen an einer praxisnahen Ausbildung gearbeitet haben.

Heute allerdings können sie kaum noch damit rechnen, ein fertiges Unterrichtsprogramm vorgelegt zu bekommen, nach dem ein definitiver Unterricht für die Zukunft aufgebaut werden kann. Ständige Überarbeitung, engster Kontakt zum Geschehen in den Betrieben und größtmögliche Offenheit auch für die neuen „Schlüsselqualifikationen“ sind Voraussetzungen für erfolgreiche Unterrichtsgestaltung.

Auch die Rolle der Leitung eines Ausbildungszentrums hat sich stark entwickelt. Neben allen erforderlichen bisherigen Schwerpunkten in der Lehrlings- und Meisterausbildung hat sie auf den ständigen Entwicklungsprozess zu achten, die Pädagogen, Handwerker und Kaufleute dabei zu unterstützen und die erforderlichen strukturellen Veränderungen voranzutreiben. Programme können nicht mehr als fertige Vorgaben angesehen werden, sie müssen ständig an der Basis hinterfragt und überarbeitet werden. Dazu spielen zahlreiche Kontakte zu den Berufsverbänden und Betrieben aber auch zu auswärtigen Fachinstituten eine wesentliche Rolle.

Darüber hinaus spielt heute die ständige Entwicklung von Weiterbildungsangeboten eine wesentliche und spannende Rolle. Um sie professionell zu gestalten, wird Kooperation über die Grenzen unserer Gemeinschaft hinaus immer stärker gefragt sein. Für viele wichtige Themen ist der Rahmen der Deutschsprachigen Gemeinschaft einfach zu eng...
Desweiteren ist zu erwähnen, dass wir aufgrund der stetigen professionnellen Entwicklung uns den ISO-Prozessen unterlegt haben.


Bei einem Rückblick muß natürlich auch erwähnt werden, dass die politische Zuständigkeit für die Berufsausbildung mit der Föderalisierung des belgischen Staates eine der ersten Zuständigkeiten der Deutschsprachigen Gemeinschaft wurde. Bereits bei der Einsetzung der ersten „Exekutive“ unserer Gemeinschaft, also lange vor der Übertragung des Unterrichtswesens, gehörte dieser Bereich dazu. Seit 1992 wird mit der Gründung des IAWM auch die Betreuung und Verwaltung vollständig von Eupen aus gewährleistet.

Für die Arbeit vor Ort bedeuten diese kurzen Wege natürlich eine erheblich höhere Flexibilität und die Möglichkeit, eigene, unseren Bedürfnissen angepasste Wege zu gehen. Davon hat die Gemeinschaft bereits häufiger Gebrauch gemacht. So hat das Zentrum für Aus- und Weiterbildung des Mittelstandes in Eupen beispielsweise neue Meisterkurse für Hydraulik und Pneumatik und für Energie- und Umwelttechnik entwickelt und offiziell anerkennen lassen, die in den angrenzenden Regionen für viel Aufmerksamkeit gesorgt haben.

Die Zukunft der Berufsausbildung vor Ort wird allerdings wesentlich davon abhängen, ob es den Verantwortlichen gelingt, durch intensive Kontakte zu den großen Nachbarn mit deren wissenschaftlichen und fachlichen Einrichtungen Anschluss an die Entwicklung zu halten.